Sardis Verlag

Resetting the Urban Network

Sardis VerlagComment

In dieser Serie möchte ich in loser Reihenfolge einige interessante Publikationen vorstellen und kommentieren die ich entweder bei Recherchen für unsere Produkte oder anderweitig gefunden habe aber mit diesen irgendwie thematisch verwandt sind.

Als erste in der Reihe ist „Resetting the Urban Network: 117-2012“ von Guy Michaels und Ferdinand Rauch, welches in einer aktualisierten Fassung von Oktober 2014 auf der Homepage des Autors frei verfügbar ist: http://personal.lse.ac.uk/michaels

Schon beim erstellen unserer Karte der römischen Welt viel mir auf, dass im Vergleich zum Rest Europas im heutigen England ungewöhnlich viele Hauptorte der ehemaligen Civitates seit ihrer Aufgabe am Ende der antike nicht wieder besiedelt wurden oder zumindest bei weitem hinter ihrer früheren Bedeutung zurückblieben. Dieses Paper zeigt nun das dies kein subjektiver Eindruck ist und versucht eine Erklärung für die Verlagerung, bzw. das Bestehenbleiben der urbanen Schwerpunkte zu liefern.

Kern ist der Vergleich des Städtenetzwerks des römischen Britanniens mit dem des damaligen Galliens und heutigen Frankreichs. Hier insbesondere die beiden nordwestlichsten Provinzen Gallia Lugdunensis und Belgica welche Landschaftlich und in ihrem Werdegang ab dem Hochmittelalter am vergleichbarsten sind.

Es werden drei Szenarien für die Standortwahl neuer Städte nach Zerstörung oder Aufgabe älterer Vorgänger in Zeiten des erneuten Aufschwungs gegeben.

In Szenario 1 überwiegen harte, schwer überwindbare Standortfaktoren. Neue Städte entstehen an den selben Orten. Zu denken ist hier etwa an aride Gebiete in welchen das Vorhandensein von Wasser der dominierende Faktor ist.

In Szenario 2 besitzt kein Standort besondere Vorteile. Als Beispiel wird eine fruchtbare Ebene, durchflossen von sich kaum verlagernden Flüssen, genannt. Zu denken wäre hier etwa an die Mündungsebenen der Rhein-Main und Rhein-Neckar Region in welchem die römischen Civitas Vororte Nida/Frankfurt-Heddernheim, Lopodunum/Ladenburg und Med../Dieburg allesamt im 3. Jhdt. zerstört wurden und nahe bei den späteren Zentren der Region liegen ohne aber mit ihnen identisch zu sein.

In Szenario 3 ändern sich die optimalen Standorte mit der Zeit. Hier wird eine starke Pfadabhängigkeit erwartet. Daher das Verschwinden eines alten Netzwerks kann Voraussetzung für die Bildung eines neuen an besseren Standorten sein, während ein bestehen bleibendes Netzwerk dazu führen kann das Städte an suboptimalen Standorten gefangen sind.

Das vorliegende Problem wird als Beispiel dafür diskutiert. Während die römischen Städte Britanniens in der Generation nach Abzug der letzten Truppen kollabierten, blieben die in Gallien bestehen, was durch den relativ sanften und zügigen Übergang zu dem das die Region weiter vereinenden fränkischen Merowingerreich begünstigt wurde. Durch das Überdauern der kirchlichen Verwaltungsstrukturen, die wiederum auf den älteren römischen basierten und auf die sich auch der neue Staat stützte, behielten sie ihrer Vorortsfunktion. Die Autoren zeigen das die sich neu entwickelnden britischen Städte in zunehmendem in höheren Maße als in Frankreich über einen Zugang zur Küste verfügten, entweder direkt, über Schiffbare Flüsse oder künstliche Kanäle, während in römischer Zeit vergleichbare Verhältnisse in den untersuchten Provinzen herrschten. Ebenso das Städte mit Küstenzugang in beiden Ländern in den Jahrhunderten nach 1200 durchschnittlich höhere Wachstumsraten aufwiesen.

 

Die Interpretation dieser Ergebnisse wirkt dagegen deutlich unsicherer. Ein dabei unterschätzter Faktor ist trotz des besseren Straßennetzes die absolute Dominanz des Transportes auf dem Wasserweg über größere Distanzen in römischer Zeit. Eine neuere, dies demonstrierende Analyse, basierend auf der Verbreitung diverser Amphorentypen, für die Kaiserzeit und die diskutierten Nordwestprovinzen wurde etwa von Forschern des Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM) und ihrer Kooperationspartnern erstellt. http://www.rgzm.de/transportroutes/about.html

 

Michaels und Rauch betrachten für ihre Studie sämtliche römischen Städte oberhalb einer bestimmten Mindestgröße, gewachsene wie gezielt an einem ausgewählten Standort auf betreiben der Provinzverwaltung gegründete oder zumindest bevorzugte. Eine Unterscheidung könnte helfen in der Antike als universell angesehene gute Standortfaktoren von solchen zu trennen welche auf damaligen lokalen Besonderheiten beruhen. Betrachtet man ausgewählte Standorte fällt auf das die sieben wichtigsten, die Provinzhauptstädte Londinium/London und Eburacum/York, die anderen Kolonien Lindum/Lincoln, Glevum/Gloucester und Camolodunum/Colchester, sowie die Legionsbasen Isca Silurum/Carleon bei Newport und Deva/Chester allesamt an Wasserwegen liegen, bis heute existieren und sie sich eine über die Jahrtausende eine gewisse Wichtigkeit bewahren konnten.

 

Ich selbst halte die Argumentation das die Städte Nordgalliens und in Britannien weiterhin primär als Hauptorte eines agrarisch geprägten Umfeldes dienten und eine bessere Küsten Anbindung angesichts ihrer Randlage im Römischen Reich nicht die gleichen Vorteile brachte wie andernorts, wo größere Nähe zu Fernhandelswegen und den Bevölkerungszentren des Mittelmeerraums bestand, alleine für hinreichend.

Der Zugang zu Märkten ist ein für mich ein wichtiger, von den Autoren hier aber nicht diskutierter Faktor. Während des Wiederaufblühens des britischen Städtenetzes im Hochmittelalter und später fanden diese im eine im Vergleich zur römischen Antike völlige veränderte urbane Landschaft Nordeuropas mit zahlreichen Städten und Staaten im Nord- und Ostseeraum vor.

Hier wäre es interessant Beispielsweise die Wachstumsraten britischer und französischer Städte im Vergleich zu denen der Hanse zu betrachten. Diese verloren nach ihrer Dominanz des Nord- und Ostseehandels im 16. und 17. Jhdt. Zunehmend an Bedeutung als sie sich nicht bzw. nur sehr eingeschränkt am dann aufkommenden globalen Handel mit Fernost und den Kolonialreichen beteiligen konnten.

Auch stellt sich für mich die Frage inwiefern alle französischen Städte von höheren Wachstumsraten hätten profitieren können, wären diese entsprechend verlagert worden, wie von den Autoren impliziert wird, oder ob dieses Potential zuvor in Sättigung gegangen wäre.

Der Artikel endet mit der Schlußfolgerung das einmal getroffenen Entscheidungen über die Standorte urbaner Infrastruktur über Generationen hinweg reichende Auswirkungen haben können.

Nicht Teil der Studie aber interessant anzumerken ist das die Neugründung oder Verlagerung von entsprechend geförderten Städten, auch in Regionen mit bestehenden dichten Netzwerk, und damit die Rekonfiguration eines regionalen urbanen Netzwerks zumindest seit der Bronzezeit ein fester Teil der Politik vieler antiker Staaten war.

Bekannte Beispiele für moderne Touristen sind Priene und Ephesus, die im 4. Jhdt. v. Chr. bzw. um 290 v. Chr. auf betreiben des Satrapen Maussollos und des Diadochen Lysimachos jeweils um einige km an einen neun Standort direkt an der damaligen Küstenlinie verlagert wurden, nachdem durch Flüsse eingeschwämmte Sedimente die Städte zunehmend weiter vom Meer entfernten. In Mesopotamien führte die Gründung des günstiger gelegenen Seleucia und dem später in unmittelbarer Nähe wachsenden Ktesiphon zur Abwanderung und dem schleichenden Zerfall des einst in der Region dominanten Babylons.

In den keltischen Nordwestprovinzen wurden viele ehemalige Zentren, welche meist fortifikatorisch günstige Höhenlagen inne hatten, in den ersten Jahrzehnten römischer Herrschaft zugunsten verkehrsgünstigerer Neugründungen in den Tälern nach und nach verlassen. Prominent sind Bibracte auf dem Mont Beuvray, der Hauptort der (H)Aedui, welches seine Bewohner an das 25 km entfernte neugegründete Augustodunum/Autun verlor und schließlich nur noch wegen der dort ausgeübten Kulte von Wichtigkeit war, oder in Noricum die sogenannte Stadt auf dem Magdalensberg zugunsten von Virunum, dessen Ruinen wenig nördlich von Klagenfurt liegen.